Rund um den 8. Juni, den Welttag der Ozeane, hat adidas Läuferinnen und Läufer weltweit zum „Run for the Oceans“ aufgerufen: Kilometer in der App sammeln, adidas zahlt für den Meeresschutz. Dass für Taucher jeden Tag Tag der Ozeane ist und Tauchsportler häufig an Reinigungsaktionen teilnehmen, leuchtet jedem ein. Aber was hat Laufen mit den Ozeanen zu tun? Hier steht, wie die Aktion funktioniert hat, was sie gebracht hat und warum es sie unter diesem Namen nicht mehr gibt.
Run for the Oceans – was ist das?
Run for the Oceans war eine gemeinsame Initiative von adidas und der Umweltorganisation Parley for the Oceans. Die Partnerschaft der beiden begann 2015 mit einem gemeinsamen Sneaker, die Laufaktion kam 2017 dazu: als weltweite digitale Aktion rund um den Welttag der Ozeane vom 5. bis 11. Juni 2017.
Das Prinzip war einfach. Du hast dich in der App für die Challenge angemeldet, bist wie gewohnt gelaufen, und die Kilometer wurden automatisch gutgeschrieben. Die Teilnahme war kostenlos. Anfangs lief das über Runtastic und Joyrun, 2019 hieß die App bereits „adidas Running by Runtastic“, später nur noch adidas Running. 2021 zählten zusätzlich Strava und Joyrun.
Aus Plastikmüll werden Laufschuhe
Der Hintergrund ist das Material. adidas hat mit Parley Schuhe und Bekleidung aus „Parley Ocean Plastic“ hergestellt. Das ist recycelter Plastikabfall, der an Stränden und in Küstengemeinden eingesammelt wird, bevor er ins Meer gelangt – also nicht Müll, der aus dem offenen Ozean gefischt wird. Nach Angaben von adidas entstanden daraus 2017 rund eine Million Paar Schuhe, 2018 mehr als fünf Millionen, für 2019 waren elf Millionen geplant.
Das ist natürlich in erster Linie ein cleverer Marketing-Schachzug. Bei der Menge an Plastikmüll in den Weltmeeren machen die Sohlen von ein paar Millionen Laufschuhen nicht viel aus – und manche der Schuhe dürften am Ende wieder im Meer landen. Laufschuhe ohne Kunststoff sind aber kaum vorstellbar, deshalb ist das hier nicht der richtige Ort, um mit dem Plastikverzicht anzufangen. Insgesamt also ein guter Ansatz.
Die Ausgaben im Überblick
| Jahr | Zeitraum | Zusage von adidas | Ergebnis laut adidas bzw. Parley |
|---|---|---|---|
| 2017 | 5. bis 11. Juni | weltweite digitale Aktion | keine Zahlen veröffentlicht |
| 2018 | ab 8. Juni | Spende an Parley for the Oceans | knapp 1 Million Läufer, mehr als 12,4 Millionen km, 1 Million US-Dollar |
| 2019 | ab 8. Juni | 1 US-Dollar pro km, höchstens 1,5 Millionen US-Dollar | rund 2,2 Millionen Teilnehmer, mehr als 12 Millionen km |
| 2020 | – | keine Ausgabe | – |
| 2021 | 28. Mai bis 8. Juni | pro km das Gewicht von zehn Plastikflaschen einsammeln, höchstens 500.000 lbs (rund 227 t) | 5.045.968 Teilnehmer, 56.123.178 km |
| 2022 | 23. Mai bis 8. Juni | pro 10 Minuten Bewegung das Gewicht einer Plastikflasche einsammeln, höchstens 500.000 lbs | knapp 6,8 Millionen Teilnehmer, rund 771 Millionen Minuten |
2019: Spendentopf nach anderthalb Tagen leer
Schon am 9. Juni 2019 gegen 13:30 Uhr standen mehr als 1,5 Millionen Kilometer auf dem Zähler. Ein Blick ins Kleingedruckte zeigte den Haken: „bis zu 1,5 Mio. $“. Der Höchstbetrag war also nach anderthalb Tagen ausgeschöpft. Kein Wunder bei damals rund 1,3 Millionen Teilnehmern – das sind knapp 1,2 Kilometer pro Kopf, die zählten.
Die Bilanz von adidas zum Jahresende bestätigt das: Mehr als 12 Millionen Kilometer wurden erfasst, bezahlt wurden höchstens 1,5 Millionen. Rechnerisch floss also nur für etwa jeden achten Kilometer ein Dollar. Das Geld ging an Bildungsprogramme von Parley, die Parley Ocean School und das Jugendprogramm Ocean Uprise.
Deshalb gilt der Appell von damals weiter: Wer so eine Werbeidee hat und damit über eine Million Menschen genau in der Zielgruppe erreicht, sollte es sich auch etwas kosten lassen. Jeder Tag ist ein guter Tag, um die Ozeane zu retten – warum also nur einmal im Jahr?
Ab 2021: Plastikflaschen statt Dollar
Ab 2021 hat adidas keinen Geldbetrag mehr pro Kilometer genannt, sondern eine Sammelmenge: Für jeden Kilometer sollte gemeinsam mit Parley das Gewicht von zehn Plastikflaschen an Stränden, abgelegenen Inseln und Küsten eingesammelt werden. 2022 wurde auf Minuten umgestellt; gezählt wurden Laufen und ähnliche Aktivitäten wie Gehen oder Rollstuhlfahren. Die Mittel flossen nach Angaben von Parley in das Reinigungsnetzwerk und in Bildungsangebote für Schulen und Jugendgruppen. Wie viel Plastik tatsächlich eingesammelt wurde, weisen die Jahresberichte nicht aus – die Zusage war eine Obergrenze. In der Angabe für 2022 weichen die Quellen zudem voneinander ab: Parley nennt höchstens 500.000 lbs, der adidas-Geschäftsbericht 250.000 kg.
Aus Run for the Oceans wurde Move for the Planet
2023 kam „Move for the Planet“, das nach Angaben von adidas auf Run for the Oceans aufbaut. Unter dem alten Namen ist seitdem keine Ausgabe mehr belegt, und das Thema Meere ist weggefallen:
- 2023: 1. bis 12. Juni, je 10 Minuten Aktivität in der adidas-Running-App aus 34 Sportarten 1 Euro an die Organisation Common Goal, höchstens 1,5 Millionen Euro. Mehr als 1,2 Millionen Menschen loggten über 173 Millionen Minuten.
- 2024: 10. bis 22. Mai, mehr als 100 Sportarten, Geld für Projekte mit Common Goal und UN Climate Change, etwa für Sportanlagen, die Extremwetter besser standhalten.
- 2025: 12. bis 25. Mai, erstmals auch über Strava, wieder 1 Euro je 10 Minuten und höchstens 1,5 Millionen Euro.
Für 2026 gibt es keine belastbare Angabe zu einer neuen Ausgabe – weder als Run for the Oceans noch als Move for the Planet.
Das Ende mit Parley und der Greenwashing-Vorwurf
Im April 2024 berichteten die ZDF-Umweltredaktion und das Medien-Start-up Flip, dass adidas den zum Jahresende auslaufenden Vertrag mit Parley nicht verlängert und keine Produkte mit Parley-Ozeanplastik mehr herstellt. Das Heimtrikot der Nationalmannschaft zur EM 2024 kam schon ohne Ozeanplastik aus.
Bereits zur WM 2022 hatten Flip und die ZEIT berichtet, dass das Ozeanplastik für das damalige Trikot größtenteils nicht von Parley stammte, sondern aus einer von adidas selbst organisierten Lieferkette in Thailand und auf den Philippinen, wo Parley nach eigenen Angaben nicht tätig war. Der Vorwurf: Greenwashing im Marketing. adidas erklärte, Parley-Produkte machten nur einen sehr kleinen Teil des nachhaltigen Sortiments aus, und verwies darauf, dass 2023 bereits 99 Prozent des verarbeiteten Polyesters recycelt gewesen seien.
Plastik im Meer: die Größenordnung
Nach dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) gelangen jedes Jahr mehr als 11 Millionen Tonnen Plastik in die Ozeane, in alle Gewässer zusammen 19 bis 23 Millionen Tonnen. Ohne wirksame Gegenmaßnahmen könnte sich die Menge bis 2040 fast verdreifachen. Im Meer liegen nach Schätzung der UNEP bereits 75 bis 199 Millionen Tonnen, und Kunststoff braucht Jahrhunderte, um sich abzubauen. Laut Umweltbundesamt besteht rund drei Viertel des Mülls im Meer aus Kunststoff. Zerfällt er, entsteht Mikroplastik – Teilchen unter 5 Millimetern.
Zum Vergleich: Die Obergrenze von 2021, rund 227 Tonnen, entspricht etwa 0,002 Prozent der Menge, die laut UNEP jedes Jahr neu ins Meer gelangt. Eine Laufaktion rettet die Ozeane also nicht. Sie kann aber Aufmerksamkeit schaffen – und die ist bei diesem Thema nötig.
Nachhaltige Laufschuhe: worauf du achten kannst
Wenn dir Recyclingmaterial beim Schuhkauf wichtig ist, frag nach konkreten Angaben: welches Bauteil, wie viel Prozent, welches Ausgangsmaterial. Schlagworte allein sagen wenig. Entscheidend für dich bleibt trotzdem die Passform. Nach einer Übersichtsarbeit im British Journal of Sports Medicine gibt es keine schlüssigen Belege dafür, dass Aufprallkräfte und Pronation – lange als Hauptursachen von Laufverletzungen gehandelt – das Verletzungsrisiko vorhersagen. Die Autoren schlagen stattdessen einen „Komfortfilter“ vor: Wähl den Schuh, der sich für dich bequem anfühlt. Mehr zum Einstieg findest du unter Laufen anfangen, Gründe fürs Laufen unter Warum laufen?.
Stand: Oktober 2026.
Quellen
- adidas: adidas reiterates commitment to the Oceans and publishes 2016 Sustainability Progress Report (2017) – adidas-group.com
- adidas: Geschäftsbericht 2018, Run for the Oceans (2019) – report.adidas-group.com
- adidas: adidas to produce more shoes using recycled plastic waste in 2019 (2019) – adidas-group.com
- adidas: 2,500 adidas employees run in Herzogenaurach to preserve the oceans (2019) – adidas-group.com
- adidas: Geschäftsbericht 2019, Eco-Innovation & Consumer Engagement (2020) – report.adidas-group.com
- adidas: Geschäftsbericht 2021, Our sustainability initiatives (2022) – report.adidas-group.com
- adidas: Geschäftsbericht 2022, Global Brands (2023) – report.adidas-group.com
- adidas: Geschäftsbericht 2023, Global Brands (2024) – report.adidas-group.com
- adidas: adidas invites global sporting community to Move For The Planet (2023) – news.adidas.com
- adidas: Over a million people turn activity into action for adidas’ Move For The Planet (2023) – news.adidas.com
- adidas: adidas announces second year of Move for the Planet (2024) – news.adidas.com
- adidas: Move For the Planet Returns (2025) – news.adidas.com
- Parley for the Oceans: Run for the Oceans by adidas x Parley – parley.tv
- Parley for the Oceans: Adidas x Parley – parley.tv
- ZDF: Recherche-Ergebnisse von ZDF und Flip: Adidas trennt sich von „Parley for the Oceans“ und stellt Produkte mit Parley-Ozeanplastik ein (2024) – presseportal.zdf.de
- Vereinte Nationen: World Oceans Day – un.org
- UNEP: Plastic pollution & marine litter – unep.org
- Umweltbundesamt: Müll im Meer – umweltbundesamt.de
- Nigg B. M. u. a.: Running shoes and running injuries: mythbusting and a proposal for two new paradigms: „preferred movement path“ and „comfort filter“. British Journal of Sports Medicine 49(20):1290–1294 (2015) – europepmc.org