Multivitaminpräparate: Brauchen Kraftsportler ein Multivitamin?

Ein Multivitaminpräparat wirkt wie eine Versicherung: eine Tablette am Morgen, und alle Lücken sind gestopft. Für gesunde Erwachsene, die halbwegs vernünftig essen, ist diese Versicherung nach Einschätzung von DGE, BfR und Verbraucherzentralen überflüssig. Die großen Langzeitstudien zeigen bestenfalls kleine Effekte. Und wer mehrere Produkte kombiniert, landet schnell über den Grenzwerten.

Was die Fachstellen sagen

  • Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): Nahrungsergänzungsmittel sind für gesunde Menschen, die sich normal ernähren, in der Regel überflüssig. Eine einseitige Ernährung lässt sich mit Präparaten nicht ausgleichen. Von einer Aufnahme über den Bedarf hinaus sind nach internationalen Studien keine positiven gesundheitlichen Wirkungen zu erwarten.
  • Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE): Gesunde Menschen, die sich ausgewogen ernähren, sind in der Regel ausreichend mit allen essenziellen Nährstoffen versorgt. Präparate empfiehlt die DGE nur in bestimmten Fällen – etwa Vitamin D bei fehlender Bildung in der Haut, Folsäure bei Kinderwunsch und Vitamin B12 bei veganer Ernährung.
  • Verbraucherzentralen: Wer Breitensport betreibt, braucht keine speziellen Pulver oder Pillen. Fehlendes Training oder eine ungünstige Ernährung lassen sich nicht wegschlucken.

Was die Langzeitstudien zeigen

Die bekannteste Studie ist die Physicians‘ Health Study II: Rund 14.600 US-Ärzte ab 50 Jahren nahmen über einen Median von 11,2 Jahren ein Multivitaminpräparat oder ein Placebo.

  • Krebs: Die Krebsrate war mit dem Präparat leicht niedriger (17,0 statt 18,3 Fälle pro 1.000 Personenjahre). Die Autoren sprechen von einer bescheidenen, aber signifikanten Senkung. Bei Prostata- und Darmkrebs und bei der Krebssterblichkeit gab es keinen signifikanten Unterschied.
  • Herz und Kreislauf: Kein Effekt auf schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse, Herzinfarkt, Schlaganfall oder Sterblichkeit.

Die US Preventive Services Task Force kam 2022 zu dem Schluss, dass die Daten nicht ausreichen, um Nutzen und Schaden von Multivitaminpräparaten zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs abzuwägen. Von Beta-Carotin und Vitamin E zu diesem Zweck rät sie ausdrücklich ab.

Die unterschätzten Probleme

Die Mengenangabe ist ungenau. Laut DGE dürfen die tatsächlichen Gehalte in Nahrungsergänzungsmitteln um bis zu 50 Prozent von der Angabe auf der Packung abweichen – bei Arzneimitteln sind höchstens 5 Prozent erlaubt.

Niemand prüft vorab. Weder Wirkung noch Sicherheit von Nahrungsergänzungsmitteln werden vor dem Verkauf von Behörden geprüft, betonen die Verbraucherzentralen.

Die Mengen addieren sich. Nach Auswertungen, die das BfR zitiert, nehmen knapp 20 Prozent der Menschen, die überhaupt Nahrungsergänzungsmittel nutzen, zwei Produkte und 9 Prozent drei oder mehr. Am häufigsten nehmen sie Vitamin E und Vitamin C doppelt auf. Im Kraftsport kommt dazu, dass auch Proteinpulver, Riegel und Booster mit Vitaminen angereichert sein können – schau auf die Nährwerttabelle.

Wann ein Multivitamin sinnvoll sein kann

Woolf und Manore (2006) halten ein Multivitamin- und Mineralstoffpräparat bei Sportlern für angeraten, wenn sie sich schlecht ernähren, die Kalorien stark einschränken oder ganze Lebensmittelgruppen weglassen. Das Positionspapier des American College of Sports Medicine (2009) sieht die gleichen Gruppen als besonders gefährdet. Praktisch heißt das: In einer langen, strengen Diätphase kann ein moderat dosiertes Präparat eine Überlegung wert sein.

Wenn du eines nimmst, achte darauf, dass die Mengen pro Tagesdosis die Vorschläge des BfR nicht überschreiten – besonders bei Vitamin B6 (0,9 mg), Vitamin A (0,2 mg; am liebsten wäre dem BfR gar keins), Vitamin D (20 µg) und Vitamin E (30 mg). Alle Werte stehen im Beitrag Überdosierung von Vitaminen.

Fazit für dich: Ein Multivitamin ersetzt keine Ernährung und macht dich nicht stärker. Gezielt das ergänzen, was nachweislich fehlt, ist besser als die Gießkanne.

Mehr zu allen Vitaminen im Überblick und zur Nahrungsergänzung allgemein unter Nahrungsergänzungsmittel: sinnvoll oder Geldverschwendung? Stand der Werte: Oktober 2026.

Quellen

  • Bundesinstitut für Risikobewertung: Gesundheitliche Bewertung von Nahrungsergänzungsmitteln – bfr.bund.de
  • Bundesinstitut für Risikobewertung: Aktualisierte Höchstmengenvorschläge für Vitamine und Mineralstoffe, Stellungnahme Nr. 006/2024 – bfr.bund.de (PDF)
  • Deutsche Gesellschaft für Ernährung: FAQ Nahrungsergänzungsmittel – dge.de
  • Verbraucherzentrale: Nahrungsergänzungsmittel für Sportler – sinnvoll oder Geldverschwendung?, Stand 14.04.2026 – verbraucherzentrale.de
  • Verbraucherzentrale: 5 Tipps zu Nahrungsergänzungsmitteln, Stand 13.08.2025 – verbraucherzentrale.de
  • Gaziano J. M. u. a.: Physicians‘ Health Study II, Endpunkt Krebs. JAMA 308(18):1871–1880 (2012) – europepmc.org
  • Sesso H. D. u. a.: Physicians‘ Health Study II, Endpunkt Herz-Kreislauf. JAMA 308(17):1751–1760 (2012) – europepmc.org
  • US Preventive Services Task Force: Empfehlung zu Vitamin- und Mineralstoffpräparaten zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs. JAMA 327(23):2326–2333 (2022) – europepmc.org
  • Woolf K., Manore M. M.: B-vitamins and exercise: does exercise alter requirements? International Journal of Sport Nutrition and Exercise Metabolism 16(5):453–484 (2006) – europepmc.org
  • Rodriguez N. R., DiMarco N. M., Langley S.: American College of Sports Medicine position stand. Nutrition and athletic performance. Medicine & Science in Sports & Exercise 41(3):709–731 (2009) – doi.org